Inhaltsbereich
Karsten Jonasson, Wegewart Nebenweg "Kloster Mariensee"
„Wow, wie cool ist das denn!“ – So kommentierte ein 16-Jähriger eine spektakuläre Erfahrung auf dem Pilgerweg, von der ihm erzählt wurde:
Karsten Jonasson aus Rehburg-Loccum ist die 320 km von Volkenroda nach Loccum auf dem Einrad gefahren! Für alle, die das Einrad bislang nur aus dem Zirkus kennen:
Du fährst auf EINEM Rad mit 26 Zoll Durchmesser auf mehr oder weniger gut befestigten Wegen durch Wälder, Wiesen und Hügellandschaften. Es versteht sich von selbst, dass in den notwendigen Rucksack nur das kommt, was unbedingt nötig ist.
Denn: Der Rucksack wird auf dem Rücken getragen. Selbst 100 Gramm zu viel drücken irgendwann. Ein Einrad hat keine Gangschaltung für die Steigungen im Deister und Solling, keine Rücktrittbremse. Es hat nur die Pedale, mit denen man große und kleine Berge befährt, mit denen man die Geschwindigkeit bestimmt und bremst.
Für steile Abfahrten gibt es eine „Handbremse“ unter dem Sattel und – „wenn‘s in brenzligen Situationen gar nicht anders geht, springt man ab“, sagt Karsten Jonasson!
Einradfahren geht nur für einen durchtrainierten Menschen, der mühelos das Gleichgewicht halten kann. Das geht nur für einen, der es auch mit empfindlichen Körperteilen lange auf dem schmalen Sattel aushält und mit denselben steuern kann.
Im Corona-Jahr 2020 hat sich der Loccumer in Volkenroda auf den Weg gemacht – mit einem Reisesegen. Begeistert erzählt er von Überraschungen und kleinen Wundern, die ihm jeder Tag geschenkt hat. Mit seinem Einrad war er nicht zu übersehen. Er ist freundlichen, interessierten, staunenden Menschen begegnet, Menschen, die hilfsbereit waren, die ihn in ihr Haus und zum Essen eingeladen haben, die ein Quartier besorgt haben, wenn die geplante Unterkunft nicht mehr erreichbar war.
Auf einem Rad mit wenig Gepäck
Am Weg traf er Menschen, mit denen er vertrauensvolle Gespräche geführt hat über Gott und die Welt, über die kleinen und großen Dinge des Lebens! Gerade ältere Menschen haben ihn beeindruckt, wenn sie ihre Geschichten erzählten.
Karsten Jonasson hat eine große Begabung: Er geht offen auf Menschen zu. Er kann zuhören und Anteil nehmen – was nicht nur auf dem Pilgerweg ein großer Gewinn ist.
Er nimmt wahr, was ihm auf dem Weg begegnet. Er kann staunen - schaut genau hin in der Natur und anderswo.
Auf einigen Etappen des Pilgerweges, der ja auch eine Route für Radpilger bereithält, war die Weser sein ständiger Begleiter. Da kommt schon mal der Gedanke, dass Leben Unterwegssein ist. Jeder mag sich fragen, ob er offen ist für Veränderungen, für das, was ihm begegnet – und dann versucht, das Beste daraus zu machen!
Karsten Jonasson ist jeden Morgen ohne Pläne und Festlegungen, ohne vorgefasste Erwartungen losgefahren und hat sich eingelassen auf das, was der Tag für ihn bereithielt.
Manchmal musste er die Zähne zusammenbeißen, weil es über die Kräfte ging. Einmal hat ihn der Regen bis auf die Haut durchnässt.
Aber er ist fröhlich und heil wieder in Loccum angekommen. Er hat den Weg mit seinem Einrad geschafft – körperlich auch geschafft, aber angekommen!
Und dann war da zum Schluss dieser emotionale Moment: Als er in Loccum einfuhr, läuteten die Glocken der Klosterkirche. Und weil die Welt in Corona-Zeiten Kopf stand, hat er an der Klostermauer einen Handstand gemacht.
Dankbar für alles Erlebte. Dankbar, wieder zu Hause zu sein, reich beschenkt und glücklich!
Heidrun Kuhlmann
